Das BUCH

 
 
 

Es sind Namenlose, die fast täglich im Mittelmeer ertrinken. Es sind Namenlose, die zu uns „in Strömen“ nach Europa kommen. Und es sind Namenslose, die hier ein neues Zuhause suchen. Namenlos, weil unbekannt. Namenlos, weil oft unzugänglich. Wir sprechen viel über sie, sie selbst kommen selten zu Wort. Eine anonyme Menschenmasse, die keiner versteht, die keiner kennt. Über die aber viele etwas zu wissen scheinen. Nermin Ismail lässt diese Menschen zu Wort kommen. „Etappen einer Flucht“ begleitet Frauen, Männer und Familien auf ihrem Weg nach Europa. Die Autorin arbeitete monatelang freiwillig und unbezahlt als Übersetzerin für Flüchtlinge aus dem arabischen Raum in Deutschland, Österreich, Slowenien, Ungarn, Griechenland und der Türkei. In diesem Buch übersetzt sie die Geschichten und Schicksale einzelner Menschen in umgekehrte Richtung, um sie den deutschsprachigen Lesern näher zu bringen. Der Fotograf Simon van Hal ist mit seiner Kamera dabei. Die Idee zum Buch entstand während der Arbeit. Hoffnungen, Ängste und Visionen brachen ganz selbstverständlich aus den Flüchtlingen hervor, wenn sie einer Übersetzerin begegneten. Fatma, Wala, Mudar, Jamil und all die vielen anderen sind hierhergekommen, um sich von mehreren Jahren Krieg zu erholen und Lebensmut zu fassen. Grenzaufenthalte spielen eine bedeutende Rolle und markieren die unterschiedlichen Etappen einer Flucht. Ob im Schlepperzentrum von Izmir, an der griechischen Küste, am ungarischen Bahnhof, an der slowenischen Grenze oder in österreichischen Unterkünften … das vorliegende Buch gibt den Menschen Raum zu erzählen und schafft ihnen die Möglichkeit, gehört zu werden. Die Rolle der Übersetzerin ist dabei zentral. Denn erst durch das Eintauchen in die Welt dieser Menschen kann ein Verständnis erfolgen. Nermin Ismail, Österreicherin, Journalistin und Tochter ägyptischer Eltern, findet über das Arabische den Zugang zu Asyl suchenden Menschen und reflektiert stets auch ihre eigene Rolle, Position und Denkweise als in Österreich lebende Europäerin.

Leseproben

Nachfolgend finden Sie Leseproben zum Buch.
Die Straßen von Izmir:
Einer der anwesenden Männer hier bietet mir an zu zeigen, wie Syrer in Izmir
leben. Ich willige ein. Mudar, der sich als Ahmad ausgegeben hat, begleitet
uns. Unweit des Basmane-Bahnhofs sehen die Gassen heruntergekommen und
dreckig aus. Die Häuser sind baufällig. Hier lebt eine ältere Dame aus Damaskus.
Sie läuft die Straße entlang, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. In
drei Tagen müsse sie mit ihren Kindern und Enkelkindern das brüchige Haus
verlassen, sagt sie. Sie ist verzweifelt. »Jetzt sollen wir auf die Straße. Der
Besitzer droht uns mit der Polizei. Wohin sollen wir mit den Kindern? Was
nützt uns das Geld der EU?« Als sie hierherkamen, war das Gebäude verlassen.
Kein Mensch würde hier freiwillig leben, sagt ihre Tochter. »Wir wurden
entwürdigt und hatten uns damit abgefunden.« Doch jetzt empfänden sie Wut.
»Das Leben hier ist ein Kampf. Wir müssen uns jeden Tag fragen, ob wir den
Kindern etwas zu essen geben können.«
Wir folgen ihr, sie will und das angesprochene »Haus« zeigen: »Wir suchen
eine Bleibe. Der Besitzer will das Haus neu bauen. Dabei haben wir es einfach
gefunden, es war ein Saustall und wir haben es geräumt und uns hier irgendwie
eingerichtet. Jetzt will er uns rauschmeißen. Wir sind sechs Personen. Ich finde
kein Haus. Wir sind schon acht Monate hier. Ich suche und finde nichts. Sollen
wir auf der Straße leben?«, so die ältere Dame. Der Mann setzt an: »Es sind drei
Familien, die hier leben. Es ist eine Ruine. Keine Fenster oder Türen, die sie vor
der Kälte schützen. Niemand kann hier leben, oder? Ist das menschenwürdig?
Die alte Dame kümmert sich um alles. Viele Kinder leben hier.« Wir betreten
das Haus. Ich grüße die Menschen, komme mit ihnen ins Gespräch, frage, wie
es ihnen gehe und frage, ob sie etwas sagen möchten. Die jüngere Tochter und
Mutter dreier Kinder spricht:
»Was sollen wir nur sagen? Es gibt keine Wohnung, kein Haus, in dem wir
wohnen können. Wir sind jetzt hier, in dieser Ruine. Und auch das wollen
sie uns nehmen. Gibt es Schrecklicheres? Alles kleine Kinder hier. In zwei
Tagen müssen wir raus. Niemand arbeitet, wir haben kein Geld. Die Männer
haben versucht zu arbeiten, aber niemand lässt sie.«
Der syrische Mann, der uns begleitet, unterbricht: »Sie haben keine Bildung und
ihren Beruf können sie hier nicht ausüben, ihre Professionen können sie hier nicht
einsetzen. Jemand, der einen universitären Abschluss hat, findet keine Arbeit, wie
sollen sie dann etwas finden? In der Türkei muss man die Sprache können. Nicht
jeder kann das so schnell lernen.« Aus einem Smartphone ertönt der Azan, der
Gebetsruf. Die Kinder rennen hin und her. Ich habe durchgehend das Bedürfnis,
auf die Kinder zu achten. Sie könnten stürzen – überall liegt Bauschutt und viele
Wände sind abgetragen. Ihre Körper sind dünn, sie scheinen etwas unterernährt
zu sein. Ihre Haut ist von roten Punkten markiert. Insektenstiche, Wanzenbisse.
Sie haben keinen Strom. Kein warmes Wasser. Ich frage sie, ob sie nach Europa
wollen. Die junge Frau antwortet: »Warum sollen wir nach Europa? Wir bleiben
hier.« Die Frau ihres Bruders spricht weiter:
»Ich bin krank. Kaum bin ich schwanger, bringe ich Fehlbildungen auf die
Welt. Sie kommen tot auf die Welt. Ich weiß nicht warum ich Missbildungen
bekomme. Ich gehe ins Krankenhaus, aber niemand versteht mich. Das letzte
Kind ist ohne Kopf auf die Welt gekommen. Ich will geheilt werden. Es gibt
eine Heilung, aber es ist zu teuer.«
Eine Fehlbildung könnte die Folge des Einflusses radioaktiver Strahlen sein. Auch
chemische Waffen wurden im Syrienkrieg nicht selten eingesetzt. Zum Beispiel im
August 2013 östlich von Damaskus in Ghuta. Chemische Kampfstoffe wie Sarin
wurden in hoch konzentrierter Form nachgewiesen. Über Tausend Menschen
sollen durch die Bodenraketen gestorben sein. Sarin ist ein Nervengas, das eines
der am meisten gefürchteten Kampfstoffe darstellt. Es ist farb-, geruch- und
geschmacklos und kann durch Einatmen oder durch den Kontakt mit der Haut
oder den Augen in den Körper gelangen. Die Vereinten Nationen stufen das Gas
als Massenvernichtungswaffe ein. Sehstörungen, Muskelzuckungen, Atemnot,
Erbrechen, Bewusstlosigkeit und Krämpfe sind die Folgen. Ich kann mir das nicht
erklären. Es macht mich müde, unheimlich müde, diesen Menschen zuzuhören.
Das Haus ist groß und unheimlich. Die Treppen, die hinaufführen, haben kein
Geländer und auch die Ausbuchtungen in den Wänden sind keine richtigen
Fenster. Es ist eine heruntergekommene Ruine. Die Wände sind abgebrochen.
Aber nur hier haben sie Unterschlupf gefunden.
Der Syrer von der Hilfsorganisation erklärt mir, es gäbe hier kaum Dolmetscher.
Und wenn, dann verlangen sie viel zu viel.

(Ismail 2016: 44ff)

Lesbos:
Auf der Nordküste in Skala kommen ebenso viele Boote an. Touristen gibt es
hier offensichtlich keine, nur Helfer. Schiffswracks säumen die gesamte Küste.
In Skala räumt Bob, ein Rettungsschwimmer aus New York, den Strand auf.
Er schneidet ein zurückgelassenes Schlauchboot in seine Einzelteile und fischt
Schwimmhilfen aus dem Wasser. Bob ist verärgert. »Warum müssen die Flüchtlinge
das durchmachen und ihr Leben riskieren«, fragt er. Was sie in ihren Ländern
erfahren haben, sei doch schlimm genug.
Bob ist schon eine Woche hier. Ich möchte mit ihm sprechen, doch er möchte
seine Arbeit nicht unterbrechen. »Deine Arbeit ist wichtig, aber es ist auch wichtig,
dass die Menschen, die hier leben, die Flüchtlinge nicht hassen, weil sie ihre
Strände verdrecken«, meint er. Bob ist sichtlich wütend und verärgert.
»Ich bin hierhergekommen, um Menschen zu retten. Es gibt hier sehr viele
Menschen, die seit Monaten hier privat helfen und die keine Anerkennung
wollen. Das sind die wahren Helden. Die sind hier seit Monaten, jeden
Tag. Dann kommen plötzlich die Medien drauf, dass es das Problem gibt
und alle NGOs zeigen sich. Sie verscheuchen plötzlich die Helfer, die seit
Monaten nichts anderes machen, außer den Ankömmlingen ihre Hand zu
reichen. Diese Organisationen haben keinen Respekt für die Menschen, die
seit Langem helfen, ohne jeglicher Aufmerksamkeit. Die wirklichen Helfer
wollen kein Foto auf Facebook und kein Video auf YouTube, sie sorgen sich
um die Menschen. Sie wollen keinen Ruhm. Ich kann diesen Organisationen
nichts mehr abkaufen, das ist alles Show. Ich respektiere diese Menschen und
deswegen arbeite ich mit ihnen. Deswegen gebe ich ihnen das Geld, das ich
zu Hause gesammelt habe und spende keinen großen Organisationen mehr.
Diese Menschen, von denen ich spreche, kaufen mit dem Geld eine Batterie
für das Rettungsboot oder ein Licht oder Neopren-Anzüge, weil sie es brauchen
und weil sie wirklich etwas tun. Diese Menschen leisten Erstaunliches.
Sie sind bescheiden. Es sind tolle Menschen. So wie die Syrer auch tolle
Menschen sind. Aber ihnen wird mit Vorurteilen begegnet. Von Menschen,
die Angst haben vor anderen Kulturen. Haben wir das nicht schon einmal
gehabt? Anscheinend lernen wir Menschen nie aus unserer Geschichte.
Das ist meine Arbeit. Ich sammle den Müll vom Strand. Ich bin 25 Jahre
trainiert worden, Menschen zu retten. Die anderen NGOs, die jetzt erst für
drei Tage herkommen, würden die den Müll aufräumen? Oder stehen sie nur
rum und fragen: ›Wo kann ich Babys retten?‹ Damit sie ein Selfie machen
und es auf Facebook stellen und als Helden gefeiert werden. Die Menschen
hier brauchen Tourismus. Im Moment sind alle Strände voller hinterlassener
Schlauchboote und Westen. Diese Arbeit ist nicht so glamourös, aber sie
muss getan werden. Die großen NGOs kommen aber mit Kameras, machen
Pseudo-Aktionen und gehen wieder. Anstatt zu sagen: Danke, was ihr hier
macht, ist großartig, sagen sie: Zur Seite mit euch! Ihr könnt das nicht! Wir
sind professionell. Das ist beleidigend, das ist nicht fair.«
»Wie sehen die Rettungsaktionen hier aus?«
»Ich habe mein Bestes gegeben, den Menschen zu helfen. Nicht in Panik zu
geraten, ihnen zu sagen, dass sie sicher sind, dass es ihnen gut geht, das ist
das Wichtigste zu Beginn. Auch wenn die Menschen merken, dass ihr Boot
kippt, sie müssen ruhig bleiben und müssen bei ihrem Boot bleiben. Weil
wenn sie das nicht tun, sind sie im Wasser und ich glaube nicht, dass sie
schwimmen können. Sie werden alle sehr schnell panisch. Ich habe mein
Leben in Amerika aufgegeben, um hier zu helfen. Nonverbale Kommunikation
ist alles. Jeder weiß, was ein Lächeln bedeutet. Ich habe den Menschen
Küsse geschickt, weil mir wichtig ist, dass sie wissen, dass ich sie liebe und
ihnen helfen will. Diese Menschen, die alle auf einmal ertrinken, sind das
Beängstigendste, was ich in meinem Leben erlebt habe. Die Menschen geraten
so schnell in Panik. Das ist das Gefährlichste. Ich habe geschrien: ›Ihr seid
sicher! Ihr seid sicher!‹ Sie waren auch in Sicherheit, auch wenn ihr Boot
am Sinken war. Sie mussten bei ihrem Boot bleiben. Das Boot war voll. Es
sinkt, aber es treibt noch an der Oberfläche, sie dürfen sich nicht vom Boot
trennen, also müssen sie beim Boot bleiben. Ein Mann ist ins Wasser gefallen
und hat angefangen zu schreien, laut zu schreien. Er kann nicht ertrinken,
er hatte eine Rettungsweste an. Ich habe ihn angelächelt und angedeutet, er
soll tief einatmen, er hat das getan, hat aufgehört zu schreien, ich habe ihm

eine Schnur zugeworfen und habe ihn ans Boot geholt. Panik ist tödlich.
Um für Asyl anzusuchen, müssen sie ihr Leben aufs Spiel setzen, anstatt
mit der günstigen Fähre zu kommen. Ist das nicht schrecklich genug, was
sie in ihren Ländern erlebt haben? Aber nein, sie müssen diesen tödlichen
Weg nehmen, um zu beweisen, dass sie dem Tod entronnen sind.«

»Fähren sollen Flüchtlinge sofort zurück in die Türkei bringen«
Die Presse, am 28. 01. 2016

Den Unterschied macht nur ein Pass aus. Nicht einmal Syrer erhalten ein Visum
für Griechenland. Es ist eigentlich unvorstellbar, wie vor wenigen Stunden sechzig
Menschen den Sprung nach Europa geschafft haben. Ich denke an den marokkanischen
Jugendlichen, der ausgerutscht und ertrunken ist. »Er war einfach weg.
Plötzlich. Wir wollten ihn retten, aber wir haben uns nicht getraut. Es ging so
schnell. Er hatte keine Rettungsweste an. Wir hatten Angst, das Gleichgewicht
zu verlieren. Und doch ist es besser hier zu sterben als Unbekannter, als wieder
nach Hause zu gehen«, sagt Hachem. Die Stimmung ist sehr trüb und bedrückend
in Mytilini.


(Ismail 2016: 90ff)